Von zahnlosen und lahmen Tigern

Der gegenwärtige Zustand und die Entwicklungsperspektiven der Medienselbstregulierung waren das Thema einer Podiumsdiskussion, die der Verein zur Förderung der publizistischen Selbstkontrolle (FPS) gemeinsam mit dem Netzwerk Medienethik auf dessen jährlicher Tagung in der Münchener Hochschule für Philosophie organisiert hatte. Unter dem Motto „Publizistische Selbstkontrolle – alter Hut oder Zukunftsmodell?“ erörterte Moderatorin Marlis Prinzing mit Vertretern aus Medienpraxis und Wissenschaft die Potenziale und Probleme von Einrichtungen wie dem Deutschen Presserat unter den Bedingungen des Medienwandels.

Dass die Wirksamkeit von Presse- und Medienräten als Instrumente der journalistischen Qualitätssicherung mitunter zu wünschen übrig lässt, ist keine neue Kritik. Immer wieder werden derartige Institutionen als „zahnlose Tiger“ verlacht, die mit ihren Hinweisen auf journalistische Fehltritte zwar ein wichtiges Ziel verfolgen, in der Praxis jedoch oft ohne spürbare Resonanz bleiben. Dieses Problem habe sich durch den digitalen Umbruch noch verschärft, mahnt der freie Medienjournalist Thomas Mrazek. „Der Deutsche Presserat kommt angesichts der Dynamik der Netz-Kommunikation nicht mehr mit. Im digitalen Spielfeld ist er außen vor. Seine Arbeitsweise ist viel zu langsam und behäbig.“ Meist reagiere er auf Beschwerden erst nach Monaten. Ist der Presserat also nicht nur ein zahnloser, sondern auch ein „lahmer Tiger“ – wie Marlis Prinzing, Professorin für Journalismus an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation, Köln, es zuspitzt?

Eine berechtigte Kritik, findet der Journalist und Blogger Stefan Aigner, der mit seinem Web-Angebot „Regensburg digital“ auch überregionale Bekanntheit erlangt hat. Er gibt zu bedenken: „Der Sinn einer institutionellen Medienselbstregulierung erschließt sich mir nicht.“ Zwar fühle er sich als professioneller Netz-Kommunikator durchaus dem Pressekodex verpflichtet, würde aber nie auf die Idee kommen, sich freiwillig der Spruchpraxis des Deutschen Presserates zu unterwerfen. „Das bringt nichts!“, sagt Aigner. Eine viel bessere Kontrolle könnten medienkritische Blogs wie das „Bildblog“ bieten, die zudem auch die Publikumsperspektive in die aktuelle Medienbeobachtung einbeziehen würden.

Derartige Vorwürfe will Lutz Tillmanns, Geschäftsführer des Deutschen Presserates, nicht gelten lassen. „Der Presserat ist nicht langsam“, kontert er. In der Regel würden er und seine Mitarbeiter auf jede in der Berliner Geschäftsstelle eingehende Beschwerde innerhalb eines Tages mit einer Eingangsbestätigung reagieren. Bis die zuständigen Ausschüsse sich ein abschließendes Urteil über eine Beschwerde gebildet haben, könnten jedoch tatsächlich schon mal drei oder vier Monate vergehen. „Man muss sich ja immer die Einwände aller beteiligten Parteien anhören“, erklärt Tillmanns. „Diese Sorgfalt braucht ihre Zeit.“

Auch der FPS-Vorsitzende Matthias Rath, Professor für Philosophie an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, findet den Ansatz des Presserates keineswegs antiquiert. „Dem Presserat ist es gelungen, sich im Laufe der Jahrzehnte seines Bestehens zu einem in der Branche anerkannten Organ zu entwickeln. Er ist etwas Selbstverständliches geworden. Mit seinem kontinuierlichen Eintreten für die Pressefreiheit übernimmt er wichtige Aufgaben für die journalistische Profession. Er muss jedoch auch die medialen Veränderungen berücksichtigen. Gerade im Umgang mit den Online-Medien fehlen ihm die passenden Strukturen.“ In dieser Hinsicht sei der Presserat in der Pflicht, sich weiterzuentwickeln, findet Rath.

Ein mögliches Bindeglied zwischen Presserat und breiter Öffentlichkeit könnte das Instrument des Ombudsmannes darstellen. Dies veranschaulicht etwa das Beispiel von Anton Sahlender, der seit 2004 als „Leseranwalt“ der Würzburger „Main-Post“ Ansprechpartner für Beschwerden jeglicher Art ist – und diese auch in einer regelmäßigen Kolumne öffentlich diskutiert. „Häufig greife ich dabei auch aktuelle Entscheidungen des Presserates auf und kommentiere sie“, erläutert Sahlender. Auf diese Weise gelinge es, die Arbeit des Presserates transparent zu machen – und auch Laien ein Verständnis davon zu vermitteln, wie Medienselbstregulierung funktioniert.

Dieser Anspruch kristallisierte sich als wesentliche Erkenntnis der Münchener Podiumsdiskussion heraus: Damit Medienselbstkontrolle eine Wirkung entfalten kann, müssen ihre Funktionsmechanismen von den Mediennutzern wahrgenommen und verstanden werden. Dafür braucht es einerseits ein ausreichendes Maß an Öffentlichkeit für medienethische Problemstellungen – und andererseits ein Publikum, das kompetent mit den Medien und ihren Problemen umgehen kann. „Wir brauchen mehr Medienbildung“, lautete daher auch die ultimative Schlussfolgerung des FPS-Vorsitzenden Matthias Rath. Angesichts der gegenwärtigen Wandlungsprozesse in der Medienlandschaft heute mehr denn je.

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