Amoklauf in Oslo: Presserat betont Persönlichkeitsrechte

Der Deutsche Presserat behandelte in seiner jüngsten Sitzung 84 Beschwerden und sprach vier Rügen aus, davon zwei öffentliche und zwei nicht-öffentliche. Neben den Rügen gab es 16 Missbilligungen und 18 Hinweise. In 37 Fällen wurden die Beschwerden als unbegründet erachtet. In sieben weiteren Fällen wurden die Beschwerden als begründet angesehen, auf eine Maßnahme jedoch verzichtet.

Insgesamt 16 Beschwerden lagen zur Berichterstattung über den Bombenanschlag in Oslo sowie den Amoklauf auf Utoya vor. Der Presserat kritisierte zwei Veröffentlichungen, in denen eine Vielzahl von Opfern mit Bild und vollem Namen dargestellt wurde, und sprach jeweils einen Hinweis aus. Das Gremium diskutierte bei der ethischen Bewertung intensiv die Frage, ob es nach einer derart außergewöhnlichen Tat gerechtfertigt ist, die Opfer zu zeigen:

Viele Medien hatten die Fotos  veröffentlicht, weil die Redaktionen den Opfern “ein Gesicht geben” wollten, um den Lesern das Ausmaß dieses schrecklichen Verbrechens begreifbarer zu machen. Diese Intention stößt sich allerdings mit dem Persönlichkeitsrecht der Opfer. Nur weil Menschen zufällig Opfer eines schrecklichen Verbrechens werden, rechtfertigt dies nicht automatisch eine identifizierende Berichterstattung über ihre Person. Bei der Abwägung gelangte das Gremium zu dem Ergebnis, dass das Persönlichkeitsrecht der Opfer im konkreten Fall ein mögliches Informationsinteresse der Leser überlagert. Die durch die Fotos entstehende Emotionalisierung ist lediglich eine erweiterte Information, die vom ethischen Standpunkt her zum sachlichen Verständnis des Amoklaufs so nicht erforderlich war.

Eine nicht-öffentliche Rüge erhielten “Bild” und “Bild Online” für die Veröffentlichung eines Fotos, auf dem neben dem Attentäter selbst auch dessen Mutter und eine Freundin abgebildet waren. Nach Ziffer 8 sind die Persönlichkeitsrechte von nicht Beteiligten zu schützen.

Die Zeitschrift “Lea” erhielt eine öffentliche Rüge, weil sie einen frei erfundenen Text als journalistisch-redaktionellen Beitrag zu einem medizinischen Thema veröffentlicht hatte. Ebenfalls gerügt wurde der “Münchner Merkur” wegen eines Verstoßes gegen die in Ziffer 7 festgehaltene Trennung von Redaktion und Werbung. Eine weitere nicht-öffentliche Rüge sprach der zuständige Ausschuss gegen “Bild” aus. Die Boulevardzeitung hatte in der Regionalausgabe Berlin/Brandenburg das Foto eines jungen Mädchens veröffentlicht, das vor zwei Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen war – laut Presserat ein “schwerer Verstoß gegen die Persönlichkeitsrechte”.

Weitere Hintergründe dokumentiert der Presserat hier.

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